Missbrauchsdebatte und Katechismus

Missbrauchsdebatte und katechismus

Zugegeben, ganz wohl ist mir nicht dabei, das Thema Missbrauchsdebatte hier aufzugreifen. Allzu leicht kann man sich den Vorwurf einfangen, die Missbrauchsdebatte zu instrumentalisieren und das Leid so vieler Menschen für seine eigenen Interessen zu nutzen. Darum geht es mir aber nicht.

Mein Mitgefühl und meine Gedanken sind zuallererst bei den Opfern. Und gerade weil es diese vielen Opfer gibt, greife ich das Thema auf. Sehr viel ist dazu schon geschrieben worden und ich will mich heute diesem Thema aus einem Blickwinkel nähern, den ich bisher bei aller Auseinandersetzung vermisst habe. Vielleicht ist er auch nur mir wichtig, kann sein.

Mich treibt die Frage um, was die grundlegende, entscheidende Kraft in den Priestern ist, die zu den Tätern oder zu den Mitwissern gehören. Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten, denn wenn ich die katholische Kirche mit ihren Aussagen ernst nehme, dann kann ich einen Priester nicht mit den üblichen menschlichen Maßstäben messen. Denn der Katechismus sagt eindeutig und klar: Mit der Priesterweihe wird der Priester christusähnlich und kann diesen Status auch nicht mehr verlieren.

Ich muss also wenigstens zwei Kräfte im Priester unterscheiden, das was ihn allgemein menschlich macht, das was ich auch mit ihm teile, und das, was ihn christusähnlich macht, weshalb er auch Sakramente spenden darf usw.

Nun habe ich an dieser Stelle zwei ernsthafte Probleme. Soll ich tatsächlich einen Priester, der kleine Kinder sexuell missbraucht mit Christus vergleichen? Ernsthaft?

Wie kann ich das tun, wenn ich auch nur den kleinsten Funken von Achtung vor Christus habe? Die Kirche scheint damit kein großes Problem zu haben. Ich schon und vielleicht auch noch andere Menschen, ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Und warum ist dieser Priester nicht in der Lage, mit seinen Trieben anders umzugehen? Hier möchte man fast sagen, ja, das ist ja klar, wenn ich schon christusähnlich bin, dann kann ich mich fast nicht mehr weiterentwickeln, ich bin ja fast vollkommen, ich muss keinesfalls an mir arbeiten, schließlich bin ich ein heiliger Mann Gottes.

Man kann das fast nicht schreiben, weil es einfach zu viel Heuchelei ist. Jeder Fall von Missbrauch zeigt ganz klar und dramatisch, dass die Kräfte, die aus der Priesterweihe entspringen, alleine nicht stark genug sind, den Missbrauch zu verhindern.

Aus dem Yoga und auch aus der Anthroposophie kennt man die beiden Begriffe Sukzession und Individuation. Sukzession bedeutet in etwa, dass ich durch einen Segen, eine Einweihung oder was auch immer Kräfte übertragen bekomme, die mich zu etwas Besonderem machen (oder eben auch nicht, wenn die Kräfte nicht stark genug sind).

Individuation bedeutet, ich muss lernen, mich selbst weiter zu entwickeln, die Kräfte in mir zu beherrschen, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, dafür die Verantwortung zu übernehmen, auf meinem eigenen Gedankengut zu stehen, auf dem was ich reiflich durchdacht und mir erarbeitet habe. Da bin ich ganz Mensch, aber ein Mensch, der lernt, sich selbst im Griff zu haben und seine Entwicklung nach seelisch-geistigen Gesetzen selbst in die Hand zu nehmen.

Da gibt es nichts und niemanden, hinter dem ich mich verstecken kann, kein System, das mich deckt oder sagt: ja, da musst du bereuen und zur Beichte gehen, dann bist du wieder rein und unschuldig und christusähnlich. Reue? Beinhaltet Reue nicht auch, dass ich mich um meine Opfer kümmern muss, mit ihnen sprechen muss und versuchen muss den Schaden zu verringern?

Ist das mit ein paar Tausend Euro getan? Die christusähnlichen sagen hier wahrscheinlich ja…

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